Ausgabe 04
Wintersemester 07/08
 
Die Historische Internetzeitschrift Von Studierenden für Studierende
 
  Aus dem Archiv (Ausgabe 01 - Wintersemester 05/06)
 

Weber, Albert

 
 

Der Pazifismus - ein kritischer Blick auf die Schwächen einer Ideologie

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  Freilich würde eine solche Weltordnung irgendwann zusammenbrechen, wenn einer die bestehenden Prinzipien aufgibt, was sehr ansteckend für die anderen sein dürfte.
Es ist noch leichter vorstellbar, wie ein pazifistischer Staat sich mit seiner Moral im rücksichtslosen Machtkampf anstellen wird, dem alle außer er selbst nachgehen; mit einer Ideologie, deren Handeln hauptsächlich in einem Unterlassen besteht, kommt man nicht an seine Ziele, für die man immer etwas tun muß, nämlich sich gegen andere Mächte durchsetzen. Sich aus allem herauszuhalten beruhigt nur einen selbst, verrät aber die eigene Machtposition an alle anderen und schaltet keineswegs den immer bestehenden Machtkampf aus.
Der Pazifismus krankt an einer beschränkten Weltsicht; seine Gedankenwelt macht sich keine große Mühe, die Gegnerschaft genau auszukundschaften, denn es geht den meisten nicht um die Gegner an sich, sondern um das Präsentieren des eigenen Willens.
Der Pazifismus sieht nicht so genau hin, wer denn nun die eigenen Freunde sein sollen; der durchschnittliche Pazifist hat einen trüben Blick, er macht alles gleich und vereinfacht nach Belieben, weil so alles angenehmer zu sein scheint. Er meint, der andere werde sein Freund, wenn er es nur selbst will, weil sein Wille dazu so stark ist; Differenzen werden übersehen, denn sie existieren nur, um überwunden zu werden - sie nehmen das frühere Feindbild ein.
So meinte der durchschnittliche Pazifist, wenn der Westen abgerüstet hätte, hätte die SU dasselbe getan, ohne sich in Mißtrauen zu ergehen oder diese Geste als Unterwerfung zu verstehen; man sieht, wie weit solche Politik geführt hätte. Wer kein Pazifist sein will, wird schnell zum Kriegstreiber erklärt; diverse Parolen sollen vor den Argumenten einer vernünftigen Diskussion schützen. Gerechterweise muß man aber sagen, daß die Pazifisten von Andersdenkenden als naiv, feige und lebensuntüchtig abgetan werden. Der Dialog ist durchaus entwicklungsfähig.
Viele Pazifisten wollen sich nur sehen lassen, besonders im Fernsehen. Wichtig ist, etwas zu tun, nicht was man tut. Viele haben gegen die nukleare Aufrüstung demonstriert, ohne sich näher mit den verschiedenen Aufrüstungsplänen zu beschäftigen, denn das war nicht das Hauptanliegen dieser Leute.[4] Dieses Verhalten kann als Aktionismus beschrieben werden; Menschen, die sich nicht die Mühe machen wollen, politisch aktiv zu sein, wählen diesen anderen, leichteren und auch angeseheneren Weg, ihre Energien zu erschöpfen, ihr Moralpensum zu erfüllen und ihre Identität zu verwirklichen. Sie laufen vor den Schwierigkeiten davon und erklären diese somit für gelöst; eine solche Lebensphilosophie wäre bereits für den privaten Bereich verheerend, wie aber erst für den staatlich-außenpolitischen? Der Pazifismus ist sich paradoxerweise selbst sein ärgster Feind. Pazifistische Staaten haben sich in der Geschichte nicht bewährt; dafür darf man einen guten Grund annehmen; die Schweiz, als ein Land der Mitte, ist eine Ausnahme, wie man so leicht keine zweite finden wird[5], weil ein solches Land nur in einer bestimmten geographischen und politischen Lage bestehen kann.
Es ist Tatsache, daß Philosophenstaaten nicht zu finden sind, und stattdessen eine mehr oder weniger verborgene Rücksichtslosigkeit die Politik beherrscht. Es hat sich diese Staatsform durchgesetzt, die an die gegebenen Verhältnisse die angepaßteste ist. Betrachten wir aber, wie die Friedfertigkeit sich in der Geschichte bewährt hat:
Gegen das Dritte Reich hat sich, wie bekannt, der Pazifismus nicht bewährt; er war erschreckend hilflos, als es darauf ankam, gegen verschlagene Brutalität zu bestehen, und letztlich war er für seine Anhänger und viele andere unheilvoll. Der Krieg oder zumindest die Gewalt war das einzige Mittel, das dieses Problem gründlich aus der Welt schaffen konnte. Den Kalten Krieg hat man auch nicht mit Friedfertigkeit gewonnen, sondern mit besonnener Überlegung und Geduld. Sein Ausgang ist ein guter Beweis, daß auch keine explizit pazifistisch orientierte Politik den Frieden bewahren kann.[6]
 

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